9mal Life
Andreas Malessa
Andreas Malessa ist Hörfunk- und Fernsehjournalist bei den ARD-Anstalten SWR, HR und DeutschlandRadio Kultur. Als Buchautor und Publizist ist der evangelisch-freikirchliche Theologe ein viel gefragter Fachreferent für religiös-kulturelle, sozialethi-sche und kirchliche Themen. Bereits mit 17 moderierte er eine eigene Sendereihe im Radio, gab von 1972 bis 1990 im Gesangs-Duo „Arno & Andreas“ rund 1.400 Konzerte im In- und Ausland, besang sechs LPs/CDs, ist seit 1982 beim Deutschlandfunk und seit 1986 beim SWR Reporter und Moderator. Zwölf Jahre lang an jedem Sonn- und Feiertag live mit den „Songs um Acht“ in SDR 3, machten ihn vor allem seine monatlichen Fernsehsendungen „Um Himmels Willen“, und seine Reportagen „Menschen unter uns“ als kompetenten und unterhaltsamen Gesprächspartner bekannt. Nach Abitur und Theologiestudium in Hamburg zog er als Wahl-Schwabe in die Nähe von Stuttgart, ist seit mehr als drei Jahrzehnten verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Was erwartet Jesus Christus Ihrer Ansicht nach heute von seinen Anhängern angesichts seiner Forderung, alle Welt zu seinen Jüngern zu machen (Mt 28)?

Glaubwürdigkeit, Transparenz, Dialogfähigkeit erwartet Jesus von seinen Jüngern, meine ich. Die Offenheit und Gastfreundschaft, andere „nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben zu lassen, sondern auch an unserem Leben“ . (1. Thessalonicherbrief, Kapitel 2 Vers 8). Wir la-den ein zu einer Lebensbewältigung, die nicht von eigener Tugendhaftigkeit oder Bildung hergestellt werden muss, sondern durch Gottes menschenfreundliche Barmherzigkeit geschenkt wird. Das kann und darf man sich bei den „Jüngern Jesu“ anschauen und abgucken.

Welche neuen Möglichkeiten sehen Sie für die Kirche heute, auf Menschen, die ihr nicht (mehr) nahe stehen, zuzugehen?

Das „Neue“ an den Möglichkeiten der Kirche scheint mir die – ebenso erschütternde wie herausfordernde – Ahnungslosigkeit vieler Menschen in religiösen Grundfragen zu sein. Wer bin ich, wo komme ich her, wozu bin ich auf der Welt, was trägt mich durch, wer bleibt mir treu, woran kann ich mich orientieren, worauf kann ich mich verlassen – dazu hat eine wachsende Mehrheit in Deutschland nicht mehr Luthers Kleinen Katechismus, sondern die Ratgeberspalten der Boulevardpresse und den Bilderbrei des Fernsehens im Kopf. Hier anzuknüpfen – lebensweltlich, alltagsbezogen – und sehr elementarisiert die gute Botschaft der Zuwendung Gottes, der Befreiung und Entlastung durch Christus, die Werte-Orientierung durch Gottes Wort und Geist, die Geborgenheit in der Gemeinschaft seiner geliebten Kinder zu „predigen“ und einzuüben, das halte ich für notwendig und chancenreich.

Wo sehen Sie gelungene Beispiele solcher Bemühungen?

Bei glanzvollen Events mit hohem Informations- und Emotionswert wie „9 mal Life“ in Herne zum Beispiel. Glaubens-Grundkurse, spezielle Gottesdienste, Konzerte, Vorträge, Frühstückstreffen, Männertreffs, Seminare, Freizeiten und Camps, Exerzitien, Hauskreise, diakonische Serviceleistungen – die kommunikativen, die interaktiven Angebote von Kirchengemeinden können mancherorts mit jedem Kulturschuppen mithalten. Für alte Hasen der Kirche ist das alles „nichts Neues“. Für eine wachsende Mehrheit im Land und für fast alle unter 30-Jährigen ist es das schon. Tanzlehrer und Fahrlehrer sagen das eigentlich immer Gleichgebliebene ja auch immer „neu“. „Gelungen“ sind solche Bemühungen dann, wenn Menschen im Kopf verstehen, im Herzen spüren und in ihrer Alltagspraxis nachvollziehen, wie „Christ sein“ geht und wie gut und lebensförderlich es ist.

Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Chancen der Veranstaltung „9 mal life“?

Da. Siehe oben. In der Summe der Antworten 1 bis 3, genau da liegen die Chancen von „9 mal Life“. Was eine einzelne Gemeinde nicht stemmen könnte, wird gemeinsam gewuppt. Was als stadtteilbezogener Alltag des Kulturbetriebs übersehen würde, gewinnt breite öffentliche Aufmerksamkeit. Ich sag`s mal etwas pathetisch: Für fragende Zweifler und suchende Verzweifelte, für selbstgerechte Zyniker und ungerecht Übervorteilte, für Neunmalkluge und Nullchecker brennt jahrelang und in jeder Kirchengemeinde die stetig leuchtende Kerze der Hoffnung. Aber hin und wieder darf und sollte die Kirche auch mal ein Feuerwerk zünden, oder?

Wie sehen Sie Ihre Rolle bei dieser Veranstaltung?

Mein Rolle ist die eines doppelten Anwalts: Ich will die Fragen und Vorbehalte, die Haltungen und Meinungen des Publikums, des Zeitgeistes, der Öffentlichkeit stellvertretend zur Sprache bringen. Und ich will die Antworten und Angebote, die Einstellungen und Überzeugungen der Gemeinde, der Kirche, des Christentums stellvertretend zur Sprache bringen. „Predigt“ ist ja keine Wahlkampfrede und keine Befehlsdeklamation, sondern ein Dialog der anwesenden Besucher mit dem tatsächlich anwesenden auferstandenen Christus.

Zuletzt eine persönliche Frage: Wie sind Sie selbst zum Glauben gekommen und inwiefern gibt er Ihnen Halt in Ihrem Leben? Oder: Wie würden Sie Ihre persönliche Gottesbeziehung beschreiben?

Ich selbst kam zum Glauben durch den Unfalltod eines 39-jährigen CVJM-Sekretärs und seine Beerdigung. Unerklärlich, aber unmissverständlich hörte ich in diesen 45 Minuten: „Da machst Du jetzt weiter.“ Ich fing an, im Neuen Testament zu lesen, betete mit anderen zusammen, engagierte mich in der Jugendgruppe, ließ mich taufen. Bis die Che-Guevara- und die Jimi-Hendrix-Poster in meinem Zimmer gegen Martin Luther King und Johnny Cash ausgetauscht wurden, dauerte es aber noch eine Weile… Auf die Frage, was mir Gott seither bedeutet, würde ich immer am liebsten zurückfragen: „Und, wie stehen Sie zum Sauerstoff?“